„If you can breathe, you can do Yoga“: 10 Tipps für Yoga mit Senioren

Yoga für Senioren

Im Rahmen der 300h-Ausbildung im Unit Yoga Wiesbaden — mehr dazu könnt ihr im Blog der lieben Steffi nachlesen — durfte jeder von uns das Thema für die Abschlussarbeit selbst wählen. Für mich war schnell klar, dass ich das Thema meiner Spezialierungen hier vertiefen würde: Yoga mit Senioren.

Während meiner Recherchen zu diesem Thema bin ich auf das Zitat „If you can breathe, you can do Yoga“ gestoßen — unbestätigten Quellen zufolge stammt es von Sri Krishnamacharya. Ob nun er oder irgendein anderer smarter Mensch diese Äußerung gemacht hat, so bringt es das Wesentliche auf den Punkt:

Jeder Mensch kann in jedem Alter Yoga üben!

Yoga ist eine Weisheitslehre und ein Lebenskonzept, das Menschen in jedem Alter berühren und bereichern kann. Als Yogis kennen wir den achtgliedrigen Pfad und wissen, dass die körperlichen Übungen nur ein Bestandteil dieses Weges sind und dass so viel mehr dazu gehört, als das was auf der Matte passiert.

Ich könnte (werde) zum Thema „Yoga mit Senioren“ viel mehr schreiben als diese Tipps. In diesem Beitrag geht es hauptsächlich um die Rahmenbedingungen einer Yogastunde, denn diese unterscheidet sich dann doch in einigen Punkten von Stunden für Nicht-Senioren.

Yoga mit Senioren
Senioren sind eine spezielle Zielgruppe. Wer ein paar Tipps beherzigt, kann auch mit älteren Menschen Yoga üben.

Meine 10 Tipps für Yoga mit Senioren

1. Tonalität: „Sie“ statt „du“

In Yogastunden ist es üblich, die Teilnehmer mit „du“ oder „ihr“ anzusprechen. In einem Kurs für Senioren sollten die Teilnehmer zunächst gesiezt werden, da in dieser Generation das selbstverständliche Duzen als respektlos wahrgenommen werden könnte. Schließlich kann man im Verlauf eines Kurses immer noch umschwenken oder die Teilnehmer bieten es nach einer Weile von selbst an. Unabhängig davon ist es eine schöne und willkommene Geste, sich die Namen der Teilnehmer zu merken und jeden persönlich zu begrüßen.

2. Gesprächsthemen: mit Bedacht auswählen

Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Die Generation der jetzt Über-50-Jährigen kann oftmals nicht so offen und unbefangen mit Emotionen umgehen, wie die jüngeren Generationen. Wenn Yogalehrer in ihren anderen Stunden also eher direkt das Thema Gefühle ansprechen, empfiehlt sich ein anderer Ansatz bei Senioren. Fragen wie „Wie geht es Ihrer Schulter?“ oder „Was macht das Knie?“ sind persönlich, aber nicht zu persönlich, ein „Wie geht es Ihnen?“ könnte als zu offensiv empfunden werden, besonders wenn man noch nicht mit der Gruppe vertraut ist.

Immer gut ist es, den Nutzen der Übungen für ganz konkrete Alltagssituationen zu erläutern, zum Beispiel bei kräftigenden Übungen die Sturzprävention, bei der Mobilisierung der Wirbelsäule die Verminderung von Rückenschmerzen etc.

3. Miteinander: Empathie ja, Mitleid nein

Gehen wir respektvoll und empathisch mit Menschen um, die uns bemitleidenswert erscheinen, ermöglichen wir ihnen die Aufrechterhaltung ihrer Würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass ältere Menschen oftmals in ihrer Eigenständigkeit eingeschränkt und auf fremde Hilfe angewiesen sind. Nicht jeder kann gelassen damit umgehen. Begegnen wir den Teilnehmern auf Augenhöhe, schaffen wir unter Umständen eine Oase, eine Ausnahme, einen positiven Moment. Für den Yogalehrer heißt das auch, sich wirklich an die Gruppe anzupassen und keine Asanas zu präsentieren, die für die Teilnehmer nicht durchführbar sind. Ein astreiner Sonnengruß B oder mal eben ein Handstand wirken demotivierend und einschüchternd auf die Teilnehmer.

4. Anordnung: Stuhlkreis statt Frontalbeschallung

Achtsam sein sollte man als Lehrer auch beim Thema „Frontalbeschallung“ — für viele ältere Personen ist eine „Belehrung“ durch einen jüngeren Menschen nicht gut zu ertragen und kann zu Ablehnung führen . Besser als den klassischen Aufbau der Matten und Stühle in Reihen ist zum Beispiel ein Matten- bzw. Stuhlkreis.

5. Dauer: weniger ist mehr

Konzentrationsfähigkeit und Wachheit lassen im Alter nach, daher sollte eine Stunde zwischen 45 und 60 Minuten dauern und nicht 75 oder sogar 90 Minuten. Besonders ratsam ist eine ausführliche Mobilisation vom „Scheitel bis zur Sohle“, die bis zur Häfte der Zeit in Anspruch nehmen kann. Außerdem sollte man ausreichend Zeit für das Erklären der Asanas und das Herantasten der Teilnehmer an die Übungen einzuplanen.

6. Körperliche Einschränkungen: wahrnehmen und berücksichtigen

Manche Teilnehmer sehen und/oder hören nicht gut — diese am besten nah am Lehrer positionieren. Insgesamt ist es besonders wichtig, nicht zu schnell, dafür laut und sehr deutlich zu sprechen. Je nach körperlicher Einschränkung sollten mehrere Alternativen zu den Übungen gezeigt werden. Bei der Wortwahl ist darauf achten, klare Anweisungen zu geben und nicht zu viel „Yoga-Vokabular“ zu verwenden, das könnte ältere Menschen schnell verwirren.

7. Energieniveau: Konstanz ist gefragt

Das Energieniveau der Stunde sollte konstant aufrecht erhalten werden. Als Lehrer muss man darauf achten, dass die Teilnehmer — insbesondere wenn es sich um die Altersgruppe der Über-75-Jährigen handelt — nicht den Kontakt zu sich selbst verlieren oder abdriften.

8. Stuhl & Co.: Hilfsmittel erklären

Yoga für Senioren findet nicht unbedingt klassisch „auf der Matte“ statt. Ein wesentlicher Bestandteil der Unterrichtskonzepte für diese Zielgruppe ist ja schließlich, dass man in jedem Alter Yoga üben kann.

Hier kommen Hilfsmittel wie ein Stuhl zum Einsatz. Dieser wird komplett auf die Matte gestellt, um ein Wegrutschen zu vermeiden. Optimal ist ein Stuhl ohne tiefe Sitzmulde, ohne Armlehne und ohne allzu hohe Rückenlehne. Der Teilnehmer sollte, auch wenn er mit dem Rücken ganz nah an der Lehne sitzt, die Füße mit der Matte verwurzeln können. Geht das nicht, sollte ein rutschfestes Kissen unter die Füße gelegt werden.

Ebenfalls wichtig ist es, die Teilnehmer mit allen anderen verfügbaren Hilfsmitteln — Decken, Kissen, Bolstern, Gurten und Blöcken — ausführlich vertraut zu machen und sie zur Nutzung zu ermuntern.

9. Zeigt her eure Füße: nicht alle wollen barfuß üben

Viele ältere Menschen möchten auch in den Yoga-Stunden ihre Socken oder gar Schuhe nicht ausziehen, um barfuß zu üben. Vielleicht schämen sie sich für ungepflegte oder kranke Füße, vielleicht frieren sie schnell oder es fühlt sich einfach zu ungewohnt an. In diesem Fall ist es wichtig, die Teilnehmer auf die Rutschgefahr aufmerksam zu machen und Übungen gegen kalte Füße zu zeigen —zum Beispiel die Fußgelenke zu kreisen oder mit den Zehen zu wackeln.

Als Lehrer kann man auch immer wieder auf die Vorteile des Barfuß-Übens hinweisen und auf das Gefühl, die Fußsohlen mit der Matte zu verwurzeln — vielleicht siegt dann bei dem einen oder anderen Teilnehmer die Neugier und er entledigt sich irgendwann doch mal der Schuhe und Socken. Practice, practice and the barefoot moment might come … 🙂

Yoga für Senioren
Barfuß? Lieber nicht. Senioren möchten im Yoga oft nicht auf Socken oder Schuhe verzichten.

10. Shavasana & Meditation: eher kurz und manchmal „light“

Die Schlussentspannung findet durchaus auch im Sitzen statt, vielleicht sogar auf dem Stuhl oder im Rollstuhl. Musik sollte insgesamt sparsam eingesetzt werden — viele Teilnehmer haben Schwierigkeiten beim Hören. Körperreisen vermeiden — es gibt bei älteren Menschen zu viele belastete Stellen im Körper. Besser sind Fantasiereisen oder das Vorlesen einer kurzen Geschichte oder Weisheit. Welche Musik man zum Beispiel bei der Endentspannung oder Abschlussmeditation nimmt, sollte gut bedacht werden — nicht immer sind für die Ohren der Senioren fremd klingende Mantras die beste Wahl, klassische Musik ist hier eine gute Alternative. Aber letzten Endes heißt es, die Schwingungen der Teilnehmer aufzunehmen und dann eine intuitive Entscheidung zu treffen.

Den Geist in der Meditation zur Ruhe zu bringen, kann für viele ein ungewohnter Zustand sein und sogar zu Unmut oder Unwohlsein führen. Möglicherweise ist es in manchen Kursen nicht möglich, so tief und intensiv in eine Meditation zu gehen, wie man das aus anderen Yoga-Kursen oder der eigenen Praxis gewohnt ist. Hier ist das Einfühlungsvermögen des Lehrers gefragt —  es ist eine wichtige Aufgabe des Lehrers, ein Kippen der Stimmung zu verhindern. Besonders in Pflegeheimen ist eine Yogastunde eine seltene Abwechslung im Alltag und sollte in jedem Fall mit positiven Erinnerungen verknüpft sein.

Habt ihr denn Erfahrungen im Unterrichten älterer Menschen? Ich freue mich auf eure Ideen und euer Feedback!

2 Kommentare

  1. Liebe Susanne,

    super, vielen lieben Dank dass du hier deine Erfahrungen teilst! Die Gruppen aufzuteilen ist sicherlich eine gute Idee. Wie du ja auch beschreibst, kann ich mir gut vorstellen dass diejenigen, die gerne einen Stuhl oder Hocker nutzen, sich besser fühlen wenn alle anderes das ebenso machen.

    Mich würde noch interessieren, zu welchen Uhrzeiten deine Kurse stattfinden – vermutlich eher am Vormittag, oder?

    Liebe Grüße,
    Yasmin.

  2. Liebe Yasmin, danke für Deinen tollen Artikel! Ich sammele seit gut einem Jahr in Berlin Erfahrungen mit Yoga 50+ . Meine Beobachtungen bisher:
    Die Kraft und Beweglichkeit der TN ist extrem unterschiedlich (ist ja eigentlich klar…), deshalb habe ich die Kurse nochmal aufgeteilt, damit sich die TN, die gern den Hocker nutzen, nicht komisch vorkommen bzw. die „fitteren“ sich nicht unterfordert fühlen. Denn immer mehrere Varianten mit/ohne Hocker anzuleiten fand ich teils etwas zu viel und zu unruhig.

    Die älteren Teilnehmer sind fast immer sehr humorvoll, es gibt mehr Austausch untereinander . Teils auch während der Praxis, was ich in der Konstellation auch ok finde.
    OM chanten lasse ich bei den Senioren weg – dafür sind sie sehr offen, was das Tönen und Summen angeht.

    Manche TN respektieren ihre körperlichen Grenzen nicht (v.a. Männer meiner Beobachtung nach) – da hilft bisher nur, die Übungen für die ganze Gruppe entsprechend abzuwandeln.

    Mit der Meditation gebe ich Dir vollkommen recht – da kommt schnell Unruhe auf. Ein kurzer Moment, angeleitetes Nach-Innen-Spüren, klappt aber ganz gut.

    Liebe Grüße, Susanne von aloha-ayurveda.de und rückenglück.com

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